Die Große Wegkreuzung von Roland Kübler
Ein junges Mädchen aus den Bergen war fast erwachsen und verließ ihr Heimatdorf. Schon als kleines Kind hatte sie den Traum, eines Tages ans MEER zu gehen, um sich dort in das schäumende Meerwasser legen zu können und den Geschmack des Salzwassers auf den Lippen zu spüren. Es war sozusagen der Traum ihres Lebens.
So verabschiedete sie sich von Vater und Mutter und ging den Weg hinunter ins Tal. Auf ihrem Weg begegnete sie oft anderen Menschen. Fremde, die ihr abrieten weiterzugehen, denn der Weg zum MEER sei weit und beschwerlich. Sie ließ sich nicht beirren und ging immer weiter.
Eines Tages war sie dann aber doch sehr müde und als sie an eine große Wegkreuzung kam, hielt sie an, um auszuruhen. Sie konnte sich dann einfach nicht mehr entscheiden, weiterzugehen. An der Kreuzung standen ihr vier Wege zur Auswahl. Jeder führte in eine andere Richtung. Wohin sie führten, konnte sie nicht sagen. Sie saß dann dort für eine lange Zeit, ohne sich für einen der Wege zu entscheiden.
Eines Tages kamen Fremde vorbei und fragten, was sie dort machte. Sie antwortete, sie wolle ans MEER, wisse aber nicht, welchen Weg sie nehmen sollte. Da rieten ihr die Fremden, mit ihnen zu gehen. Sie wären unterwegs in eine STADT und könnten ihre Hilfe brauchen. Sie antwortete, sie könne nicht in eine STADT mitkommen, denn sie sei schließlich unterwegs ans MEER.
Wieder wartete sie lange an der besagten Wegkreuzung. Die Tage, die Wochen, ja die Monate vergingen und sie konnte sich einfach nicht entscheiden. Dann kam ein Jäger vorbei und fragte, ob sie nicht mit ihm kommen wollte. Er sei unterwegs zu einem WALD. Und weil sie schon so lange gewartet hatte, willigte sie ein und ging mit ihm mit.
Die Jahre vergingen, doch eines Tages packte sie wieder ihre Sachen und machte sich erneut auf den Weg. Sie wusste immer noch, dass es für sie nichts Größeres gab, als eines Tages das MEER zu sehen. Bald war sie wieder an der großen Wegkreuzung und erneut verweilte sie dort Monate und Jahre. Bis eines Tages wieder Fremde vorbei kamen und sie aufforderten mit ihnen zu kommen. Sie ließ sich überreden und ging mit ihnen in ein kleines DORF. Sie blieb auch dieses Mal einige Jahre, bis sie sich eines Tages erneut auf den Weg machte. An der besagten Kreuzung blieb sie jedoch wieder stehen.
Die Geschichte geht noch lange so weiter. Sie verbrachte viel Zeit an der Kreuzung und zwischendurch immer wieder einige Jahre an anderen ORTEN, zu denen sie von Fremden mitgenommen wurde. Als sie bereits eine alte schwache Frau war, machte sie sich dann ein letztes Mal auf ihren Weg. Wieder verweilte sie bald an der großen Kreuzung.
Eines Nachts entschloss sie sich schließlich ins Gebirge hinaufzusteigen um von oben sehen zu können, was dahinter verborgen lag. Der Weg auf die Bergspitze war für die alte Frau sehr anstrengend und nur mit allerletzter Kraft kam sie ganz oben an. Sie wusste, dass sie zu schwach war, jemals den Weg weiterzugehen. Sie zitterte und traute sich kaum die Augen zu öffnen, doch sie riskierte einen Blick. Was sie dann sah überwältigte sie.
Von dort oben konnte sie die vier Wege sehen. Und sie erkannte, dass alle irgendwann ans MEER führten. Sie meinte fast die tosenden Wellen sehen zu können, aber sie konnte nichts hören, denn sie war noch zu weit entfernt. Den Traum, eines Tages im Meerwasser zu baden und das salzige Wasser schmecken zu können, konnte sie nicht mehr verwirklichen. Dabei wäre es so einfach gewesen. Sie hätte einfach nur weitergehen müssen. Egal, welchen Weg sie gewählt hätte.
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