Mein Bub und ich nach der Reitstunde.
LG Caroline
Mein Bub und ich nach der Reitstunde.
LG Caroline
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Weil mir gerade so ein bisschen wehmütig ums Herz ist und weil Karins El Manchado mich mit seinen 30 Jahren drauf bringt ... bisl was von meinem "alten" Wallach, der ja auch 30 wurde (vielleicht auch nur 29, so genau weiß ich das nicht, die Papiere sind nie mit in meinen Besitz gelangt) und der nun schon fast vier Jahre auf ewig grünen Weiden herumkachelt wie nur er kacheln konnte.
Und obwohl das jetzt lang wird (so lang, dass ich auf zwei Posts verteilen muss), ist es doch nur ein winziger Ausschnitt aus 20 gemeinsamen Jahren.
Pat von Palisander
Kennengelernt hab ich den Kerl, als ich etwa 25 und er etwa 10 war und mich nach fünf Jahren Pause wieder die Lust am Reiten gepackt hatte. Einen Vereinskollegen (Springreiter) habe ich gefragt, ob er nicht was für mich zum Reiten im Stall hätte. Jo, komm morgen mal vorbei, da hab ich vielleicht was für dich.
Und da stand ich nun, vor einem ~1,74 großen, krachend kraftstrotzenden Westfalen, der im "richtigen Leben" S-Springen ging. Ich, die ich zuletzt jahrelang Araberchen hatte, ich, die ich nun so gar keine Aktien im Springen hatte (und immer noch nicht habe). Aber half ja nix. Half mir auch nix und niemand auf das Riesenvieh drauf (die Weicheier-Treppchen kamen erst später in Mode).
Was soll ich sagen? Wir haben uns zusammengerauft.
ICH hab gelernt, ihn im Gelände zu halten (das war bis er mit etwa 25 in Rente ging nie ganz einfach). ER hat gelernt, dass es im Gelände auch andere mögliche Gangarten als Jagdgalopp gibt. Ich hab gelernt, ihn auch mal angesichts (in meinen Augen nicht allzu hoher) Stangen und querliegender Äste einfach machen zu lassen, ER hat gelernt, dass man nicht unbedingt und immer ALLES anziehen muss, was nicht höher als 2 m ist und auch nur grob in der richtigen Richtung liegt.
Unvergessen bis heute die zwei Kavalletti, die aufeinandergelegt (niedrigste Stapelmöglichkeit) samt Trabstange davor in der Halle bei X lagen und über die ich ihn "mal locker drübertraben" wollte, die er aber als 1,50 x 1,80 Oxer ansah, auch genau so anzog und übersprang. Nach dem Sprung eher unsanft wieder im Sattel landend wähnte ich uns schon geradeaus auf der kurzen Seite durch die Mauer der Halle brechen und eine reiterstandbildgroße Silhouette in selbiger zu hinterlassen. Aber nein, Herr Pat hatte alles im Griff. (Ich ja eher nicht, saß wohl etwas weiß um die Nase im Sattel.) Elegante Kurve, ausnahmsweise mal nicht in einem Satz auf der Hinterhand (er wollte mich ja nicht verlieren ...), Abwenden auf die lange Seite, gemütlich auszockeln, abschnauben: "Hey, Alte! DAS hat mal wieder Spaß gemacht!"
Unvergessen AUCH der Besuch auf dem Turnier im Nachbarkaff und meine geniale Idee, doch hoch zu Ross dem Springen zuzusehen - so von wegen des besseren Überblicks. Und das weit weniger geniale Gefühl als ich merkte, wie des Dicken Ar**** gaaaanz laaaangsam runterging, und mir plötzlich klar wurde, dass wir gleich auch im Parcours mitmischen, wenn ich nicht GANZ SCHNELL gucke, dass ich ihn davon abbringe, aus dem Stand über die Umzäunung und mitten hinein ins Geschehen zu springen. (Habe ich noch geschafft, aber viel gefehlt hat nicht.)
Horst Stern schrieb in den 70ern, Pferde würden nicht freiwillig springen. Hätte er den guten Pat kennengelernt, hätte er diese seine Meinung gründlich revidiert.
Ignorance is not a virtue! (Barack Hussein Obama II)
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Von manchen erschreckt, von mir irgendwann nur noch amüsiert zur Kenntnis genommen: Pats ganz spezielle Art, nach dem Aufwärmen zu zeigen, dass er jetzt auf Betriebstemperatur ist und wir mit der richtigen Arbeit beginnen könnten: Dreifacher Salto mit eingesprungener Schraube. Naja, so ähnlich fühlte es sich jedenfalls von oben an. Hat er aber nur so lange gemacht, wie ich da oben nicht in ernsthafte Nöte geriet. Jenseits dieses Punktes hat er sofort aufgehört, stand wie eine Kuh und wartete ab, bis ich mich wieder zurechtgeruckelt hatte.
Traumhaft seine Trittsicherheit! In vollem Galopp über schlammige Wege fegen, eine Seite in der Trekkerspur, eine daneben, 15 bis 20 cm höher, war seine leichteste Übung. Hat man von oben gar nicht gemerkt, dass der Boden irgendwie schwierig sein könnte. (Nur im Schritt wurde gerne gestolpert, notfalls über Strohhalme.) In 20 Jahren, die ich mit ihm zubrachte, bin ich NIE von ihm oder mit ihm geflogen. Auch der Gatte der auf ihm erst reiten gelernt hat, ist nie runtergefallen, nur einmal MIT ihm im Schritt gefallen. Da konnte der Dicke aber wirklich nix machen, da er auf eine dick verschneite Eisplatte geriet.
Und dieser grundehrliche Charakter!
Leute, die es konnten, forderte er heraus, denen verlangte er ordentlich was ab. Die Maxime war klar: Du willst, dass ich saubere Lektionen gehe? Hey, dann schaff gefälligst was da oben! (Wir kamen zusammen - fernab aller Turnierambitionen - wohl auf ein halbwegs annehmbares L-Trensen-Niveau, und wenn es uns packte, probierten wir, bis wir als solche erkennbare Trab- und Galopptraversalen und Dreierwechsel hinbekamen, zu mehr hat es bei mir nicht gereicht).
Leuten, die unsicher waren, nicht reiten konnten, denen half er, wo es nur ging. Da war er Lämmchen, egal, ob es sich um meinen werten Gatten in seinen ersten Longenstunden oder um den zweijährigen Junior handelte, den ich auf diesem Riesentier spazieren führte. Da zuckte nie auch nur ein Ohr unziemlich. Mit rohen Eiern auf dem Rücken hätte er sich vermutlich sofort gewälzt. Aber Anfänger wurden getragen und behütet wie wertvollste Preziosen. (Waren sie ja auch.)
Und Leute, die ihm was vormachen wollten? DIE hat er gnadenlos auflaufen lassen. Da war diese junge Frau, die sich als Reitbeteiligung an meinem damals tatsächlich noch reichlich knackigen Wallach beworben hat. Von der sorgfältig ondulierten Frisur, aus der nicht ein Haar vorwitzig abstand, über die nagelneuen Lederstiefel bis hin zum schnieken Auto schrie alles an ihr "aufstrebende Beinahe-Jungmanagerin". Ich kam mir zunächst in meinen Stallsachen ein wenig seltsam vor. Natürlich hat sie sich in den Dicken "schon ganz verliebt", nachdem sie nur einen Blick auf ihn geworfen hatte. Gut, also hab ich ihn in die Halle gebracht und die junge Dame, die natürlich mit dem schnieken A4 vorgefahren war, schwang sich nicht ganz ohne Mühe drauf.
Ich sagte es schon? Wenn ihm jemand was vormachen wollte, hat der Dicke das binnen Sekunden gerochen und dementsprechend gehandelt. Und so kam es, wie es kommen musste - er zog im starken Trab seine Runden in der Halle und die junge Dame hatte dem absolut nullkommagarkeine durchkommenden Hilfen entgegenzusetzen. Bevor sie ernsthaft ins Rutschen kam, hat er die Gute bis zu mir getragen und dort gehalten, um sie, die inzwischen ein bisschen zerrupfter als vorher aussah, absteigen zu lassen.
Ich könnte heute noch, über 20 Jahre später, schwören, er hat mich dabei angegrinst.
Und genau DAS ist das Bild, das mir aus und nach all den Jahren am klarsten vor Augen steht. Dieses ganz spezielle, schelmische Grinsen - nicht nur - an jenem Tag.
Und ich vermisse es immer noch. Immer wieder.
Geändert von dissens (14.04.2014 um 18:02 Uhr)
Ignorance is not a virtue! (Barack Hussein Obama II)
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